Rss Feed Tweeter button Facebook button

Thema

www.pixelio.deNun steht er im Park, die Blätter haben sich bunt verfärbt. Er ist inzwischen knapp 19 Jahre alt, sieht aus wie ein junger Mann und starrt aufs Wasser. Die Ellenbogen auf das hölzerne Geländer dieser kleinen Brücke gelehnt, während er mit dem Freundschaftsbändchen spielt, das gleich neben einem Festivalarmband um sein linkes Handgelenk geknotet ist. Zu Hause vorm Spiegel gefiel ihm das Sakko noch. Es machte etwas her. Jetzt sah es albern aus. Genauso albern wie das speckige Freundschaftsband unter dieser korrekt gebügelten Hemdmanschette. „So, sie wollen ihre Zukunft betreten? Das bedeutet aber auch, dass sie etwas hinter sich lassen müssen. – Ok! Sie hören von uns.“ Das waren die Worte der letzten Szene und nun steht er hier und während er mit seinem Freundschaftsbändchen spielt weiß jeder, der das mit ansieht, dass dieses „etwas Zurücklassen“ für ihn einen Namen hat und ein Gesicht, sogar einen eigenen Geruch gibt es dazu. Langsam löst sich die Kameraführung von der Großaufnahme seines Handgelenks und der Hauptdarsteller wird ganz in Szene gesetzt. Musik setzt ein, die Melodie scheint irgendwie bekannt. Jetzt ist der ganze Park zu sehen, bald die ganze Stadt. Und nun weiß ich auch wieder, woher ich diese Melodie kenne. Zu Beginn des Films, nämlich aus der Szene mit der Spieluhr, damals als sie alle noch Kinder waren. Die Stadt liegt mittlerweile in ihre Nachtkulisse gekleidet vor uns ausgebreitet auf der Leinwand und zur bekannten Melodie singt eine Stimme etwas davon, „Gast im eigenen Leben“ zu sein. Nachdem das Kamerabild zwei bis drei Sehenswürdigkeiten streift und zwei Reihen hinter mir eine stolze Männerstimme vorbei am Ohr seiner Begleiterin, dafür aber hinein in die Ohren der übrigen Kinobesucher den vermeintlichen Ort des Geschehens brabbelt, fängt das Bild unseren Hauptdarsteller wieder ein. Wir finden ihn auf belebter Straße in eben besagter Stadt. Er schlendert ziellos durch die Nacht, vorbei an Geschäften und Menschen, denen ihre Geschichte ins Gesicht geschrieben steht, und bei uns im Kinosaal verklingt dazu die bekannte Melodie, diesmal verabschiedet von in einer variantenreichen Endlosschleife mit dem Text „… but who am I … but who am I?” Dann der Abspann. Ich bleibe sitzen. Ich liebe den Abspann. Allein dafür lohnt sich ein Kinobesuch. Bei einer DVD geht das nicht so einfach.

www.pixelio.deSpäter auf der Straße frage ich mich, wie eigentlich der Soundtrack zu meinem eigenen Leben klingt. Und so wandere ich Hand in Hand mit meinen Erinnerungen die eigene Geschichte hinunter und suche nach Eckpunkten und Kanten meines Charakters. Diese Momente, wo sich etwas verdichtet hat, wie eben in dem Film. Etwas kitschig find ich das dann schon, nun selbst im Dunkeln auf den Hamburger Hafen zu gucken, gerade so, als ob ich es mir beweisen müsste, dass auch ich ein Held bin, zumindest in meinem eigenen Film. Und als ob das nicht genügt, sehe ich mir schließlich dabei zu, wie ich nun selbst mitten in der Nacht barfuß den Elbstrand entlang schlendere. Was hat mich eigentlich geprägt? Obwohl ich allein bin, muss ich laut lachen über den alten Kindheitstraum, den mein Kopfkino da in die Nacht projiziert. Nun gut, zum Teil ist er ja in Erfüllung gegangen, aber es fühlt sich dann doch recht anders an, als gedacht. Bald tauchen auch meine Vorbilder vor mir auf und mit ihnen besucht mich das Gefühl, wie ich sie bewunderte, und dann, als sie mich ernst nahmen und ich unter ihren Blicken wuchs, und schließlich die erste Enttäuschung. Dass ich in diesem Moment die Titelmelodie von „Ein Colt für alle Fälle“ im Ohr habe, ist nun wirklich peinlich, aber trotzdem schaue ich mir tapfer weiter selber zu. Zum Beispiel als ich fremd war. Die neue Klasse damals, der Umzug, das erste Semester. Manchmal können dir fremde Menschen mehr über dich mitteilen, als die Leute, die dich zwar ewig kennen, dir aber doch nur etwas über ihre Schubladen verraten können, in denen sie dich schon seit Jahren sicher verstaut haben. Etwas weiter hinten die Schattenseiten, die Momente, die sich nicht so einfach einfügen lassen und die nur deshalb ein Rolle spielen, weil es mir einfach nicht gelingt, die Zeit noch mal zurückzudrehen und es doch noch einmal gut zu machen. Obwohl ich mir diese Fähigkeit immer noch wünsche, merke ich doch, wie auch diese Trümmer mein Profil geschärft haben. Ein „Danke“ bleibt mir immer noch im Hals stecken, aber es ist da, irgendwo, wenn auch ganz tief unten. Dann die Aufbrüche, allen Mut zusammengebündelt und geschultert. Nicht fragen, jetzt sind Taten dran. Ja, Widerstand gab’s auch. Aber dort lernte ich mich als Menschen kennen, der den aufrechten Gang beherrscht. Ein Mensch, der meinen Respekt verdient.

Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, mal wieder eine Kassette aufzunehmen, einen Soundtrack für meinen eigenen Lebensfilm. Für die dichten Momente, solche, an denen ich meine Persönlichkeit entdecken konnte, an denen sie reifte, oder sich stieß, wo sie zurechtgestutzt und wieder aufgerichtet wurde und wo es sich lohnt, noch einmal genauer hinzuschauen. Ein Soundtrack für einen Film, der einlädt, sich weiter dem Leben zu stellen und sich Gott zu stellen und Gott mit genau den Fragen in den Ohren zu liegen, die das Leben uns aufgibt.

BuJu 2012 – Der Soundtrack deines Lebens. Oder wenn ihr noch einen Untertitel wollt: Der eigenen Identität auf der Spur.

„Was ist wie geworden und soll noch werden, denn es kann – trotzdem, weil das Leben dich will und er dich liebt?!“